Wie der Virus mein Leben auf den Kopf stellte

Ostersamstag Es ist 23:45 Uhr und ich bin erschöpft vom langen Arbeitstag. Ich bin froh endlich alles erledigt zu haben, habe gerade eben noch 430 Masken gebügelt und die letzten E-Mails persönlich beantwortet und dann entdecke ich einen neuen E-Mailordner, der weitere individuelle Anfragen beinhaltet, den ich bis jetzt noch nicht kannte. Ich bin am Ende und muss jetzt einfach schlafen. Wieder auf der schmalen Couch in meinem Atelier, weil ich zu müde bin, wie in den letzten Wochen auch, um noch auf meiner „Wilden Hilde“ (Anm.: meine Vespa) in meine kleine Wohnung zu fahren.

Es ist 2:36 Uhr, Ostersonntag und ich kann nicht schlafen. Trotz der 20h-Tage und der geschwollenen Beine, trotz der totalen Erschöpfung. Ich denke nach über die ganze Situation, den Virus und warum, trotz der großen Bemühungen unzufriedene Kunden an mich herantreten und wir anfangs Qualität abgeliefert haben, die HANNA Trachten nicht entspricht.

 

Das Jahr 2020 hatte so gut angefangen. Eine leichte Umsatzsteigerung, obwohl der Winter in unserer Branche immer eher schwach ist. Wir können alle Rechnungen bezahlen und sind schuldenfrei. Hinter mir liegen lange Jahre, in denen ich die Firma gemeinsam mit meinen Eltern auf neue Beine gestellt habe, wir sind jetzt in Salzburg und meiner neuen Wahlheimat Wien und ich kann 7 Mitarbeiter anstellen. Wir sind klein, aber fein und ich bin wirklich stolz auf HANNA Trachten.

 

Wie immer im März freue ich mich schon, dass endlich die Frühlingssaison startet. Ostern und die Osterfestspiele in Salzburg sind für uns immer wichtig, um den schwachen Umsatz der kalten Monate wieder in Schwung zu bringen. Die Ware ist schon genäht, bestellt und wir sind bereit für tolle Frühlingsmode und die Shoppinglust unserer Kunden. Und dann kommt dieser verdammte Virus!

Die erste Hiobsbotschaft war für uns schon einmal die Absage der Osterfestspiele und dann kam der wirklich harte Schlag, nämlich, dass wir unsere beiden Geschäfte komplett zusperren müssen. Das war für mich eine wirklich, wirklich schlimme Woche. Mit Blick auf das magere Konto der Wintermonate, der laufenden Kosten, die offenen Rechnungen für die bereits bestellte Ware, war mir schnell klar, dass wir uns Kurzarbeit nicht werden leisten können und ich meine Mitarbeiter kündigen muss. Das war definitiv einer der dunkelsten und tränenreichsten Tage in meinem Leben, meine HANNA Familie vorübergehend gehen lassen zu müssen.

 

Und dann kam der Anruf von meinem lieben Freund Gerhard Popp, der mir anbot, mir einen Onlineshop zu bauen. Die nächsten zwei Wochen habe ich all meine Energie und Kraft darauf verwendet, gemeinsam mit ihm den Webshop zu realisieren und mit Produkten zu füttern, die ursprünglich für den Ostermarkt auf der Freyung in Wien gedacht waren. Gleichzeitig immer der Blick auf die aktuellen Nachrichten und Entwicklungen rund um den Virus und die Maßnahmen der Bundesregierung.

 

Wenig Schlaf und viele Sorgen. Um meine Mitarbeiter, um meine Eltern und meine Verantwortung ihnen allen gegenüber. HANNA Trachten ist seit über 60 Jahren unser Familienunternehmen und dann soll so ein Virus plötzlich alles kaputt machen, wofür wir seit drei Generationen so hart arbeiten?

Es ist Montag, 6:30 morgens und ich sitze an der Nähmaschine. Das lässt mich irgendwie zur Ruhe kommen. Zwischen meinen Fingern ein alter Trachtenstoff von meiner Omi. Ich hab in den letzten Tagen viel Nachrichten gehört und nachdem ich selber viele Jahre in Asien gelebt habe, scheint es für mich jetzt irgendwie schlüssig, mich einmal an einer Schutzmaske zu versuchen. Ich mach ein Foto von den drei Masken und stelle es in unseren neuen Webshop. Wieso auch nicht.

 

Und dann verkündet der Bundeskanzler, dass man in Zukunft nur mehr mit einer Schutzmaske einkaufen gehen kann.

 

Ich kann noch immer nicht glauben, was dann passiert ist. Es war definitiv die Wende für unsere kleine Manufaktur und gleichzeitig auch eine der größten Herausforderungen, die ich je zu meistern hatte!

 

Maskenbestellungen im Minutentakt, keine Mitarbeiter, keine Schneider, nicht ausreichend Einfass- und Gummibänder, kein Verpackungsmaterial und noch dazu ein neues, komplexes Bestellsystem. Aja, und zusätzlich das ganze Land im „Lockdown“.

 

In Heimarbeit und auf privaten Nähmaschinen wurden die ersten Masken so genäht – aus den alten Stoffen meiner Omi. Ich selbst war Tag und Nacht damit beschäftigt, die Rohstoffe zu organisieren und die unzähligen Anrufe und E-Mails zu beantworten, die regelrecht über uns hereingebrochen sind. Und dann crashte auch noch unser Server – der einfach nicht für die große Nachfrage gerüstet war. Was hätte ich nur ohne Gerhard gemacht, der sich dann auch um 3 Uhr morgens noch um die Wiederherstellung gekümmert hat. Einen großen Dank aber auch an den lieben Dieter Elsler („Das Kolin“), der mich in diesen Tagen so toll unterstützt und sich mit seinen Eltern um die Bestelllogistik und den Versand kümmert. Das alleine ist bereits eine Mammutaufgabe für sich.

 

Das waren sicherlich Tage des Lernens und auch des Scheiterns. Wer mich kennt weiß, dass ich schon unter normalen Umständen chaotisch bin – und dann auch noch mit dem Corona-Virus im Nacken… ich musste also lernen, mehr Struktur in die Bestellungen zu bringen, keine Sonderwünsche mehr anzunehmen und den Fokus auf eine schnelle Massenproduktion zu legen. Was so ganz und gar nicht ist, wofür unsere kleine Manufaktur steht, wo wir immer mit Liebe zum Detail und Maßarbeiten angetreten sind und wir immer jeden Wunsch erfüllen möchten. Aber Corona stellt nun einmal auch unsere Firmenphilosophie vorübergehend auf den Kopf.

 

Wir haben nur mehr zugschnitten, gewaschen, genäht, genäht, genäht… bis die Gummibänder ausgingen und die Farbauswahl langsam dünner wurde. Und bei all dem Stress und der Hektik dann immer auch etwas Wehmut, dass die alten Stoffe meiner Omi, die ich jahrelang aufbewahrt hatte, die für mich einen so hohen emotionalen Wert haben, plötzlich im Minutentakt zerschnitten und vernäht werden.

 

Aber aus diesen Stoffen werden nun bunte, lebensfrohe Schutzmasken, die den Menschen den zurzeit beschwerlichen Alltag etwas schöner machen. Die dann, wenn diese Krise endlich vorbei sein wird, als Erinnerung in den Kleiderschränken liegen werden – eine Erinnerung an diese verrückte Zeit, in der wir alle an unsere Grenzen gekommen sind. Ich oftmals darüber hinaus. Das gebe ich ehrlich zu.

 

Aber diese Masken sind auch ein Symbol dafür, dass ich gekämpft habe. Mit dem Rücken zur Wand. Dem Abgrund – dem Ende unseres geliebten Familienunternehmens – so, so nah. Ich war noch nie so verzweifelt und dann kam plötzlich doch alles anders. Ich kann wieder Mitarbeiter beschäftigen, kann vielen Künstlern, Studenten und kleine Selbständigen eine neue Perspektive bieten und ihre Existenz retten, meine Miete zahlen und die offenen Rechnungen für die bereits bestellte Ware.

 

Ich weiß, dass in den letzten Wochen nicht alles so gelaufen ist, wie es hätte laufen sollen. Aber ich habe mich ehrlich bemüht, mein Bestes zu geben. Und das werde ich auch in den kommenden Wochen und Monaten tun, die noch vor uns liegen werden. Der Virus hat auch mein Leben völlig auf den Kopf gestellt, aber ich bin nicht bereit, dass ich ihm die Kontrolle überlasse.

 

DANKE an jeden einzelnen der mich dabei unterstützt – meine Eltern, meine HANNA Familie, meine Helfer und vor allem jeder Kundin und jeder Kunde! Denn mit eurer Bestellung macht ihr all das erst möglich!

 

DANKE und bleibt gesund

Eure
Constanze Kurz

Comments

  • Dr. Leopold-Michael Marzi, Sieveringer Str. 275/5, 1190 Wien

    Liebe Fr. DI Kurz,

    ich bin seinerzeit (März 2016) durch einen Artikel in den Salzburger Nachrichten, den ich mir sogar aufgehoben habe, auf Sie aufmerksam geworden, als Sie das Familienunternehmen übernommen haben. Meine zweite, 19-jährige Tochter heißt übringens auch Constanze, und meine ältere, 21 Jahre alt, studiert in Hongkong, wo Sie ja auch waren.
    Gratulation zu dieser hervorragenden Idee, Masken zu produzieren!
    Habe mich soeben für den Newsletter bei Ihnen angemeldet und werde Ihr Unternehmen gerne weiter empfehlen.
    Alles Gute in dieser schwierigen Zeit und bleiben Sie gesund!
    Liebe Grüße aus Wien-Sievering
    L.-M. Marzi

    • Constanze Kurz

      Lieber Herr Marzi, spät aber doch – vielen lieben Dank für Ihre Nachricht!! Tut gut, ab und zu wohlwollende Worte zu erhalten. Beste Grüße und gesund bleiben.
      Constanze Kurz

Post a Comment

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Back to top